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Hexen waren immer rothaarig, Hebammen, Kräuterweiber oder überhaupt weiblich …

 

Diese Klischees begegnen mir nach wie vor sehr häufig, sei es privat, auf Lesungen, in den Sozialen Netzwerken – und leider auf in Rundfunk und TV. Schon vor gut zwei Jahren zum Beispiel, am 25. März 2018, hörte ich morgens bei SWR1 Rheinland-Pfalz einen Radiobeitrag über die Hexenverfolgung, der mir die Haare zu Berge stehen ließ. Daraufhin schrieb ich einen (vom Radiosender jedoch ignorierten) Beitrag auf deren Facebook-Seite. Facebook selbst ist ja ein Buch mit sieben Siegeln … Seit einigen Wochen taucht genau dieser Beitrag immer wieder in meiner Timeline auf, wohl weil er manchen Nutzern immer noch oder wieder angezeigt wird. Auch neue Kommentare gesellen sich wieder hinzu. Dies habe ich zum Anlass genommen, ihn hierher in meinen Blog zu kopieren (natürlich mit Quellenlink zum Originalbeitrag, den ihr aber vermutlich nur sehen könnt, wenn ihr selbst Facebook-Nutzer und dort eingeloggt seid.


Facebook-Post vom 25. März 2018 in meinem privaten Facebook-Profil:

Liebes SWR1 Rheinland-Pfalz-Team, eigentlich war ich ja erfreut, dass ihr heute Morgen das Thema Hexen und Hexenverfolgung aufgegriffen habt, weil ich als Autorin historischer Romane ein besonderes Interesse daran habe. Leider bin ich jetzt aber doch einigermaßen enttäuscht, denn in dem Beitrag hat sich ein Klischee ans andere gereiht und noch dazu waren einige gravierende Fehler enthalten. Angefangen hat es mit der zeitlichen Einordnung: Die Hexenverfolgung fand NICHT im Mittelalter statt, sondern in der frühen Neuzeit / im Frühbarock, also im 16. und 17. Jahrhundert. Im Mittelalter kannte man den Ausdruck Hexe so noch gar nicht. Es gab Zauberei bzw. Zauberer und Zauberinnen, aber die wurden nicht zwangsläufig verfolgt, weil Magie und Mystik bzw. der Glaube daran im Mittelalter noch stark mit der Alltagswelt verwoben waren. Das änderte sich erst später und natürlich ganz besonders mit der Veröffentlichung des Hexenhammers.

Dann kam wieder mal der Allgemeinplatz, dass überwiegend Frauen als Hexen verbrannt worden seien. Es mag regional in dieser Hinsicht große Unterschiede gegeben haben, aber wenn man das Gesamtphänomen Hexenverfolgung in Europa (und auch auf deutschem Boden speziell) betrachtet, so waren gut 40 Prozent aller verurteilten und verbrannten Hexen Männer. Auch stimmt es nicht, dass hauptsächlich Kräuterweiber, rothaarige Frauen oder Hebammen bevorzugte Ziele der Hexenkommissare waren. Die Sachlage ist deutlich komplexer und hängt natürlich mit dem religiösem Fanatismus jener Zeit zusammen, noch viel mehr jedoch mit Habgier und Machthunger.

Die Hexenkommissare erhielten ein Kopfgeld pro verurteilter und hingerichteter Hexe (Männlein oder Weiblein war egal) und wurden darüber hinaus am konfiszierten Eigentum und Geld des Verurteilten beteiligt. Da wird es leicht klar, dass bei armen Schluckern nicht viel zu verdienen war und man sich deutlich lieber auf wohlhabendere Bevölkerungsschichten konzentrierte (nachdem man erst mal ggf. mit ein paar armen Leuten begonnen hatte, aus denen man dann die passenden Namen für neue Anklagen herausgefoltert hat).

Es wäre schön gewesen, einen etwas differenzierteren (und korrekteren) Beitrag im Radio zu hören, gerade weil ich auf Lesungen und bei Begegnungen mit Leserinnen und Lesern meiner Romane immer wieder feststelle, wie viel Falsch- und Halbwissen über jene Zeit in den Köpfen feststeckt. Vieles davon rührt noch aus der Zeit der Romantik her, denn da kam erst das verzerrte Bild der angeblich verfolgten schönen Rothaarigen oder der armen Kräuterweiber auf (ebenso wie das Bild des “finsteren Mittelalters”, aber das ist ein anderes Thema).

Wer den erwähnten Radiobeitrag ebenfalls gehört hat und sich für etwas mehr korrekte Historie interessiert, dem empfehle ich meinen historischen Roman Der Hexenschöffe, der auf einer wahren Begebenheit beruht und viele Halbwahrheiten, die wir sogar noch in der Schule gelernt haben (und evtl. noch immer lernen) ins rechte Licht rückt.


 

Werbung? Ja, aber punktgenau.

 

Soweit mein Facebook-Beitrag. Natürlich enthält er Werbung für mein Buch, aber hauptsächlich deshalb, weil ich endlich mit diesen vielen Allgemeinplätzen, Falschaussagen und Klischees aufräumen möchte, die sich um die Zeit der Hexenverfolgung ranken. Neben meinem Roman gibt es noch etliche weitere von mir zum Teil sogar persönlich bekannten Autorinnen, die ich euch ebenfalls wärmstens ans Herz legen möchte, wenn ihr an einem breiten, realistischen Bild der damaligen Zeit interessiert seid: Marita Spang, Astrid Fritz, Deana Zinßmeister, um nur einige Namen zu nennen.

 

Noch mehr Vorurteile über die Hexenverfolgung …

 

Übrigens, und damit möchte ich ebenfalls mit einem Vorurteil aufräumen, ging zwar die Hexenverfolgung vielerorten von der kirchlichen Obrigkeit aus, aber (!) – ja, genau, wie immer gibt es ein fettes Aber – die Hexenkommissare waren weltliche Richter. Das war schon immer so, auch schon bei Ketzerverfolgungen im Mittelalter. Es gab die Inquisition, der natürlich auch Kleriker angehörten, aber die Richter, diejenigen, die dann die Verurteilung aussprachen und insbesondere ausführten (bzw. ausführen ließen) waren weltliche Männer. Und die wurden in der Regel (siehe weiter oben) ausgesprochen gut bezahlt.

Hingegen gab es auch innerhalb der katholischen wie auch protestantischen Kirche durchaus viele kluge und sehr mutige Pfarrer, die sich vehement gegen die Verfolgung von Hexen aussprachen, insbesondere gegen die Praxis, sich gegenseitig zu denunzieren und Geständnisse und mehr aus den Angeklagten herauszufoltern. Manch einer von diesen Pfarrern predigte leidenschaftlich dagegen – von seiner Kanzel herunter und auch mitten unter seinen Schäfchen. Nicht wenige von ihnen wurden früher oder später genau deswegen selbst als Hexer angeklagt und verbrannt. Zwei dieser Pfarrer, von denen einer ebenfalls dieses schreckliche Schicksal erleiden musste, findet ihr ebenfalls in Der Hexenschöffe. Beide sind historisch belegte Personen.

Ihr seht schon, dieses Thema liegt mir schwer am Herzen, deshalb komme ich selbst auch stets ins (leidenschaftliche) dozieren, sobald es mich auch nur streift. Doch da dieses Thema oder vielmehr die Mechanismen der Hetze und Verfolgung, die damals wie heute auf die immer gleiche Weise (nur mit anderen Zielpersonen oder -gruppen) funktioniert, hat mein Roman eine erschreckende Aktualität, auch heute noch und ganz sicher auch noch in der Zukunft – solange es Menschen gibt, die sich von solch einfacher wie wirksamer Polemik überzeugen und anstecken lassen. Und dabei ist es gleich, ob sie sich gegen hexen, Juden, Ausländer, Flüchtlinge, Homosexuelle oder wen auch immer richtet.

Aber lest selbst und macht euch ein Bild! Eines mit möglichst vielen, bunten Facetten.

 

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Making of: Der Hexenschöffe

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Eine wahre Geschichte aus dunkler Zeit

Anno 1636 ist ganz Deutschland vom Hexenwahn ergriffen. Schon einige Jahre zuvor traf es auch das beschauliche Rheinbach – eine Zeit, an die sich keiner gern erinnert. Und nun hat der Kurfürst den Hexencommissarius erneut in die Stadt beordert.
Hermann Löher, Kaufmann und jüngster Schöffe am Rheinbacher Gericht, hat Angst um Frau und Kinder. Sein Weib Kunigunde gehört zur «versengten Art»: Angehörige ihrer Familie wurden damals dem Feuer überantwortet. Löher glaubt nicht an Hexerei und an die Schuld derer, die vor Jahren den Flammen zum Opfer fielen. Eine gefährliche Einstellung in diesen Zeiten.
Als die Verhaftungswelle auch auf Freunde übergreift, schweigt der Schöffe nicht länger. Und schon bald beginnt für ihn und seine Frau ein Kampf gegen Mächte, die weit schlimmer sind als das, was man den Hexen vorwirft …

 

Der Hexenschöffe
Petra Schier
Historischer Roman
Rowohlt-Taschenbuch & eBook
512 Seiten
erschienen 01.10.2014
ISBN 978-3-499-26800-7
9.99 Euro

Auch als ungekürztes Hörbuch erhältlich!

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