Ja, gestern habe ich geweint …

… aber nicht, weil ich traurig war. Oder ja, doch, ein bisschen natürlich schon, denn unsere aktuelle Lage im Kreis Ahrweiler und in den angrenzenden Regionen lässt mich nun einmal fassungslos und bedrückt zurück. Aber die Tränen, die mir gestern mitten auf der Autobahn kamen (und glaubt mir, beim Fahren ist das nicht wirklich optimal), hatten einen etwas anderen Ursprung.

Doch lasst mich von Anfang an erzählen:

Gestern Nachmittag bin ich in Richtung Koblenz aufgebrochen, um in der Metro von dafür bereitgestellten Spendengeldern – Ein großes Dankeschön an die Menschen in Gaggenau, die das möglich gemacht haben! – Süßigkeiten zu kaufen.

Süßigkeiten? Habt ihr gerade keine anderen Probleme?, werden vielleicht einige von euch sich nun fragen.

Ja und nein.

Einerseits sind natürlich Kleidung, Lebensmittel, Hygieneartikel usw. momentan wirklich wichtig für die vom Hochwasser schwer getroffenen Menschen. Doch inzwischen habe ich immer wieder gehört, dass sich Kinder wie Erwachsene doch mal wieder etwas Süßes wünschen. Ein Stück Schokolade als Nervennahrung. Eine Tüte Gummibärchen. Das Lieblingslakritz. Ein paar Kekse. Oder eine Tüte Chips oder eine Handvoll gesalzene Erdnüsse.

In den Kartons mit Spenden, die wir hier bei uns in der Kirche lagern, habe ich nur eine sehr begrenzte Menge solchen Süßkrams gefunden, deshalb war meine Idee, einfach welchen hinzuzukaufen, wenn ich dafür einen Teil des gespendeten Geldes nutzen dürfte.

Diese Erlaubnis wurde mir umgehend erteilt, sodass ich gestern losfuhr, um mich auf die Mission Süßigkeiten-Kaufen zu begeben. Das Ganze lief auch ganz wunderbar reibungslos ab. Wie ihr auf dem Foto sehen könnt, habe ich ordentlich zuschlagen können.

Einige andere Kunden in dem Großmarkt haben natürlich ein bisschen verwundert auf den hoch voll beladenen Einkaufswagen reagiert, aber als ich ihnen erklärt habe, wofür diese ganzen Süßigkeiten sind und dass ich nicht etwa vorhatte, mir davon in Blitzgeschwindigkeit Diabetes zuzulegen, reagierten alle sehr gerührt und begeistert. Auch die unglaublich nette Kassiererin, die gleich noch von weiteren Erlebnissen zu berichten hatte.

Zum Beispiel wusste sie von vielen anderen Menschen, die in den vergangenen Tagen Sachspenden dort gekauft hatten, oder auch von der Frau, die ihr beim Bezahlen erzählt hatte, dass sie bei der Flut fast alles verloren habe und nun mit ihrer Familie bei Verwandten untergeschlüpft sei. Dies wiederum hatte ein Mann vom DRK mitbekommen, der hinter ihr an der Kasse stand, und spontan den ganzen Einkauf für die Frau bezahlt.

Okay, schon während ich dies schreibe, geht es schon wieder los …

Gestern habe ich geweint.

Nein, nicht wegen der Frau, die wiederum vor Dankbarkeit in Tränen ausgebrochen sei, so die Kassiererin. Aber vermutlich hat diese Geschichte mit dazu beigetragen.

Als ich wenig später auf dem Rückweg auf der A61 fuhr, bemerkte ich, dass direkt vor mir ein Auto des DRK fuhr. Mit Blaulicht. Und als ich genauer hinsah, erkannte ich, dass es sich um einen ganzen, langen Konvoi von DRK-Fahrzeugen handelte, die alle mit Blaulicht vor mir in Richtung meiner Heimat fuhren. Auf den Kennzeichen stand MK (Märkischer Kreis). Das ist nicht gerade mal eben um die Ecke von uns!

Und da musste ich weinen.

Ich habe versucht, es wegzublinzeln, denn Weinen und Autofahren vertragen sich halt nicht so wirklich gut miteinander. Aber es ging nicht. Die Tränen rollten. Und kennt ihr dieses regelrecht würgende Gefühl in der Kehle, wenn euch etwas so richtig arg berührt?

Genauso ging es mir.

Zu allem Überfluss liefen auch noch zwei Musikstücke nacheinander auf meinem Musik-Stick am Autoradio, die ich, wenn ich es hätte planen wollen, nicht besser hätte aussuchen können. Und nur deshalb habe ich (und ja, ich weiß, das macht man doch eigentlich nicht), meine Handykamera gezückt, um diesen Moment für die Ewigkeit festzuhalten.

Und ja, Weinen, Fahren und Filmen ist noch ungünstiger für den Allgemeinzustand … aber schaut es euch doch bitte selbst an. Ich habe euch zwei kurze Szenen zusammengebastelt, damit ihr einen Eindruck bekommt.

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So richtig kann man das Blaulicht nicht erkennen, sondern eher erahnen … Aber wenn ihr genau hinschaut, seht ihr, wie lang der Konvoi vor mir ist.

Was hat mich nun so sehr bewegt, dass ich geweint habe?

Na ja, einerseits natürlich diese Musik, aber die ist mir eigentlich erst ein bisschen später überhaupt bewusst geworden. Vielmehr war es dieser Gedanke: Da kommen Menschen von weither zu uns in den Kreis Ahrweiler, um ums zu helfen. Um den Menschen, die so entsetzlich in Not geraten sind, beizustehen. Um alles nur Mögliche zu tun, damit der Schmerz und Verlust der Betroffenen gelindert wird und sie wieder Mut und eine Zukunftsperspektive erhalten.

Ich habe es schon mehrmals geschrieben und auch in meiner Videobotschaft von neulich deutlich ausgesprochen:

Ich danke allen, allen Menschen, die so selbstlos herkommen und uns helfen, aus tiefstem Herzen. Und natürlich auch allen Nachbarn, Freund:innen und Bekannten, einfach allen, die irgendetwas tun, um die Not zu lindern. Um Menschen zu trösten. Um einfach da zu sein. So viel Menschlichkeit ist einfach überwältigend und gibt uns allen nicht nur ein Gefühl des Zusammenhalts, sondern auch den Glauben an die Menschheit zurück. Ganz ehrlich. Das hört sich vielleicht pathetisch an, ist aber einfach nur wahr.

Ich habe übrigens noch einen Umweg über Mayen gemacht, bevor ich nach Hause fuhr, weil ich für uns auch noch Besorgungen machen musste, die ich in der Metro nicht machen konnte. Als ich danach heimfuhr und gerade die Autobahn verließ, musste ich mich diesmal auf der B412 direkt hinter das Führungsfahrzeug eines weiteren Konvois einordnen. Diesmal waren es große Feuerwehrautos (jede Menge!) aus München …

Gestern habe ich also geweint.

Und heute, beim Schreiben dieses Blogbeitrags, tue ich es schon wieder. Es wird auch nicht das letzte Mal gewesen sein, aber trotz allen Grauens, das uns hier ereilt hat, fühlen sich diese Tränen nicht schlecht an. Im Gegenteil, sie sind gut.

Sie sind richtig.

Denn sie geben mir Hoffnung. Oder vielmehr drücken sie Hoffnung aus. Ich weiß nicht genau, wie ich das besser beschreiben soll.

Aber vielleicht versteht ihr mich ja.

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