Vor einigen Wochen stieß ich bei LovelyBooks auf eine historische Kolumne, in der eine Bloggerin ihren Unmut darüber äußerte, dass in historischen Romanen über das Thema Hexenverfolgung fast immer auf Stereotypen zurückgegriffen wird und dass sich die Geschichten um die angeklagten (meistens) Frauen allgemein sehr ähneln und oft wenig mit den wahren Begebenheiten um die Zaubereiprozesse zu tun haben. Ich habe nicht nur auf die Kolumne an Ort und Stelle geantwortet, sondern nehme dies auch zum Anlass, mich hier in meinem Blog dazu zu äußern, da ich ja derzeit selbst einen historischen Roman zum Thema Hexenverfolgung schreibe (Der Hexenschöffe).

Grundlage meines Romans ist eine wahre Geschichte, und zwar die des Rheinbacher Schöffens Hermann Löher, der im 17. Jahrhundert im hohen Alter von über 80 Jahren eine Klageschrift verfasst hat, in der er sich sehr ausführlich gegen die Hexenprozesse ausspricht und zudem seine Erlebnisse in Hexenprozessen extrem bildhaft und bedrückend beschreibt. Diese Originalquelle heißt Hochnötige untertanige wemütige Klage der frommen Unschültigen und kann im Internet als gescannte Ausgabe eingesehen werden. Im Original gibt es auf der Welt nur noch zwei Ausgaben. Allerdings ist das sehr schwere Kost, schon wegen der schwierigen Sprache. Aber genau diesen Text habe ich als Grundlage für meinen Roman genommen, und ich bemühe mich, die Ereignisse so authentisch wie irgend möglich zu beschreiben.

In historischen Romanen sind die Opfer der Hexenverfolgung so gut wie immer (junge) Frauen: Hebammen, Kräuterkundige oder besonders aufmüpfige Vertreterinnen ihres Geschlechts. In Wahrheit wurden jedoch auch enorm viele Männer der Hexerei beschuldigt und verurteilt. Und den Zahn, dass es sich bei den Angeklagten überwiegend um jene Hebammen und/oder Heil- bzw. Kräuterkundige gehandelt hat, muss ich euch auch ziehen. So war es mitnichten. Die der Hexerei besagten Menschen, ob Männlein oder Weiblein, kamen aus allen Schichten und Berufsgruppen. Jedoch kaum jemals aus dem Adel, das sei hinzugefügt.

In den meisten Fällen kamen Menschen ins Gerede, weil Gerüchte gezielt gestreut und von den Hexenkommissaren entsprechend ausgeschlachtet und verdreht wurden. Auch wurden Angeklagte unter der Folter nicht nur zum Geständnis gezwungen, sondern auch dazu, weitere Hexen zu besagen. Nicht selten wurden ihnen dabei gezielt Wohnorte und Namen suggeriert, sodass sie entsprechend den Wünschen der Prozessführenden antworteten. Es ging hier in vielen Fällen um Geld und Machtkämpfe, wobei sich die Beteiligten natürlich der Unwissenheit und des Aberglaubens der Bevölkerung bedienten.

Ein weiteres beliebtes Instrument der Hexenkommissare war es, bei Zusammenkünften oder gezielt herbeigeführten Menschenaufläufen, zum Beispiel auf dem örtlichen Marktplatz, zu verkünden, man habe eine Hexe festgenommen. Dabei verschwieg man allerdings den Namen des oder der Unglücklichen und ließ stattdessen die Leute raten, wer es denn sein könnte. Auf diese Weise wurden natürlich sogleich wilde Vermutungen angestellt und unzählige Namen genannt. Auf diese Namen griffen die Inquisitoren dann bei folgenden Verhaftungen und Prozessen zurück, denn wenn jemand im Zusammenhang mit Hexerei genannt wurde (auch wenn es sich bei dessen Nennung um reine Spekulation gehandelt hatte), dann war das bereits Grund genug, einen Prozess gegen diese Person anzustrengen. Insbesondere, wenn es sich um ein lohnendes, sprich hinreichend wohlhabendes Opfer handelte.

Die Hauptzeit der Hexenverfolgung war übrigens nicht, wie oft angenommen, das Mittelalter, sondern das 16. und 17. Jahrhundert, eine Zeit der Kriege und klimatischen Unwägbarkeiten, denn es herrschte die sogenannte Kleine Eiszeit, die Missernten, Hungersnöte und Seuchen mit sich brachte. Vor allem auch während des Dreißigjährigen Krieges loderten die Scheiterhaufen. Der Aberglaube der Menschen, die Verrohung durch Krieg und sonstige äußere Umstände und die Angst um die eigene Existenz schürten die Feuer sozusagen noch.

In einem Roman eine Frau oder einen Mann im 12. Jahrhundert zu beschreiben, die oder der der Hexerei bezichtigt und dafür verbrannt wurde, dürfte schwierig werden. Denn damals war Hexerei noch kein Grund für die Todesstrafe. Es wurde auch nicht Hexerei genannt (das kam erst Jahrhunderte später) sondern Magie oder Zauberei. Zwar gab es auch schon den Anklagepunkt des Schadenzaubers, aber der wurde oft mit einer Geldstrafe oder schlimmstenfalls Gefängnis bestraft. Oder der/die Beschuldigte musste den Ort verlassen.

Wenn man im Mittelalter auf dem Scheiterhaufen landete, dann eher schon wegen Ketzerei bzw. Häresie, aber das ist etwas ganz anderes.

Im Mittelalter gehörte Zauberei bzw. der Glaube an das Magische für die Menschen viel mehr zum Alltag, als wir es uns heute vorstellen können. Aber nicht immer im negativen Sinne. Und auch hier waren die besagten Personen nicht zwangsläufig weiblich, Hebammen oder Heilerinnen. Diese Einordung solcher Berufe in die Hexerei fand erst im 18./19. Jahrhundert statt, vornehmlich durch die Literatur. Wissenschaftlich belegt ist sie nicht.

Zum Hexenwahn kam es erst, wie gesagt, im 16. und 17. Jahrhundert, ausgelöst durch die oben genannten Ursachen und diverse theoretische Schriften wie dem Hexenhammer aber auch anderen, die dazu führten, dass “die Hexe” zu einem signifikanten Feindbild wurde, gegen das Kirche und weltliche Gerichte gleichermaßen ankämpften. Und auch hier muss man mutmaßen, dass diese Schriften mit bestimmten Absichten verfasst wurden, die oftmals wenig mit Glauben oder christlichen Lehren zu tun hatten.

Die Hexenkommissare waren übrigens auch nicht durchweg Kirchenmänner, sondern in der Regel Schöffen/Richter oder Gesandte der weltlichen Hochgerichte. Und selbst wenn die Inquisitoren Kleriker waren, wurden die Verurteilten dann den weltlichen Gerichten zum Urteil und Vollzug der Strafe übergeben. Die Kirche hat niemanden verbrannt (oder sonstwie hingerichtet). Das steht ja schon dem Gebot “Du sollst nicht töten” irgendwie entgegen, nicht wahr? Deshalb wurden Delinquenten, die die Todesstrafe zu erwarten hatten, immer der weltlichen Obrigkeit überantwortet, die dann die Strafe vollzog.

All dies und noch viel mehr wird in meinen Roman einfließen, und vielleicht hebt er sich damit dann vom “Einheitsbrei” der bisher erschienenen Hexenromane deutlich ab. Ich hoffe es zumindest, aber ich garantiere jetzt schon, dass euch beim Lesen die Haare zu Berge stehen werden. Mir geht es ja beim Schreiben schon so, und das, obwohl ich die Geschichte, die ich erzähle, inzwischen in- und auswendig kenne.

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Buchvorschautext, Quelle: www.rowohlt.de

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Der Hexenschöffe
Historischer Roman
Petra Schier
Rowohlt-Taschenbuch, ca. 450 Seiten
ISBN 978-3-499-26800-7
9.99 Euro

Erscheint im Oktober 2014

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