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Lissenborn – ein Ort zum Anfassen
In vielen Rückmeldungen und Rezensionen zu meinem neuen Roman Morgensonnenglück schreiben die Leserinnen und Leser, dass sie sich in Lissenborn, dem fiktiven Schauplatz der Geschichte, besonders wohlfühlen und dass sie regelrecht das Gefühl haben, selbst dort zu sein, mit Holly durch die Straßen zu streifen und alles genau vor dem inneren Auge sehen, riechen und fühlen zu können. Manche würden auch gerne einmal ihre Ferien dort verbringen.
Dies ist eines der größten Komplimente, die man einer Autorin machen kann, denn wenn bei euch das Kopfkino auf Hochtouren läuft, habe ich ja offenbar etwas richtig gemacht.
Gerade das Entwerfen dieses neuen Schauplatzes, einer kompletten fiktiven Gemeinde inmitten der schönen Vulkaneifel (inklusive historischem Hintergrund bis zurück ins Mittelalter), hat mir viel Freude bereitet. Deshalb möchte ich euch hier heute eine besonders gelungene Textstelle aus dem Roman vorstellen, um euch, auch wenn ihr das Buch (noch) nicht kennt, einen kleinen Eindruck zu verschaffen, wie es in Lissenborn aussieht und “sich anfühlt”.
Aus dem 4. Kapitel
Der Weg in den Ort, obwohl nur höchstens dreihundert Meter, kam Holly heute länger vor als früher. Vielleicht, weil sie ihn schon eine Weile nicht mehr zu Fuß gegangen war. In ihrer Kindheit und Jugend hatte sie ihn unzählige Male zurückgelegt, auch mit dem Fahrrad oder auf dem Pferderücken. Als sie den Ortsrand erreichte, bemerkte sie, dass seit Dezember auf den Dächern einiger Neubauten, aber auch renovierter älterer Gebäude, neue Solar- und Photovoltaikanlagen in der Sonne aufleuchteten, die sich nach und nach durch die Wolken und den Nebel gekämpft hatte. Möglicherweise hatte sich die Nachbarschaft zusammengetan, um beim Kauf der Anlagen über einen Mengenrabatt Geld zu sparen. Doch trotz dieser Neuerungen wirkte der Anblick wie immer vertraut auf sie. Es hatten sich lediglich Details verändert. Das große Ganze war unverändert geblieben.
Auf dem Weg in den Ortskern kam Holly an den unterschiedlichsten Baustilen vorüber, die wie Schichten oder Ringe angelegt zu sein schienen, sodass man in etwa ablesen konnte, in welchem Jahrzehnt der Ort jeweils erweitert worden war. Je näher man der Ortsmitte kam, desto mehr alte und sehr alte Häuser konnte man entdecken, von der Gründerzeit bis zurück ins fünfzehnte Jahrhundert.
Für den üppigen Blumenschmuck und die bunt bepflanzten Vorgärten war es noch zu früh, doch an vielen Stellen blühten späte Schneeglöckchen neben Krokussen. Die grünen Spitzen von Narzissen spähten ebenfalls bereits aus dem Erdreich und versprachen ein gelbes Blütenmeer, wenn man die Geduld aufbrachte, bis Ostern zu warten.
Als Holly die bruchsteinernen Überreste der mittelalterlichen Stadtmauer erreichte, blieb sie kurz stehen. Das sogenannte Obere Stadttor war fast vollständig erhalten, ebenso der Wachturm, der darüber gen Himmel ragte. Auch die drei anderen Stadttore hatten die Jahrhunderte und zwei Weltkriege weitgehend unbeschadet überstanden und bildeten die Wahrzeichen von Lissenborn.
Erheitert dachte sie an eine Projektwoche in der Schule zurück, sie war vielleicht dreizehn oder vierzehn Jahre alt gewesen und hatte sich für das Projekt Lissenborn im Mittelalter entschieden, weil sie damals an allem, was mittelalterlich war, interessiert gewesen war. Deshalb konnte sie sich noch haargenau daran erinnern, dass der Ort nicht nur einst das Stadtrecht besessen hatte, sondern darüber hinaus auch wehrhaft gewesen war. Sie hatten im Rahmen jener Projektwoche sogar ein Schwert- und Lanzenturnier nachgestellt. Der Burgherr, der über Lissenborn und die umliegenden Dörfer geherrscht hatte, war auf der Lisseburg auf dem östlich des Ortes gelegenen Lisseberg ansässig gewesen. Leider war die Burg aus dem zwölften Jahrhundert inzwischen in weiten Teilen nur noch eine Ruine, die für Holly und ihre Freundinnen und Freunde ebenso ein Abenteuerspielplatz gewesen war wie für viele Generationen davor. Ein Wachschalenturm sowie der Bergfried standen noch und trotzten der Zeit, doch von den beiden weiteren Schalentürmen und der Burgmauer waren nur Trümmer und Ruinen übrig.
Inzwischen hatte Holly die ringförmige Hauptstraße erreicht, die schon vor längerer Zeit zur Fußgängerzone gemacht worden war. Während sie über das Jahrhunderte alte Kopfsteinpflaster schlenderte, bewunderte sie die schönen und gepflegten Fachwerk- und Gründerzeitgebäude, viele von ihnen aufwendig bemalt. Unzählige kleine Geschäfte boten alles für den täglichen Bedarf an, dazwischen gab es Boutiquen, Souvenirläden, Bäckereien, Friseure, Cafés, Restaurants, eine Postfiliale und sogar ein Nagel- und ein Fitnessstudio. Bei dem wechselhaften Wetter war die Altstadt im Augenblick nicht sehr belebt, und dennoch traf Holly gelegentlich auf Bekannte, und immer wieder ergab sich daraus das fast wortgleiche Gespräch: »Guten Tag, Holly, du bist auch mal wieder hier? Wie geht’s?« – »Gut, vielen Dank, und selbst?« – »Ach, wie immer. Was machen die Großeltern? Geht es ihnen gut?« – »Ja, danke der Nachfrage.« – »Na, dann noch eine schöne Zeit. Hast du Urlaub? Ja, natürlich, sonst könntest du ja nicht einfach herkommen. Richte Milton und Maria schöne Grüße aus!«
Beide Enden dieser Ringstraße mündeten im Norden in den fast quadratischen Marktplatz, an dessen westlicher Seite das Rathaus im Stil der Gründerzeit zu finden war. Ihm gegenüber auf der Ostseite des Platzes stand die gotische Kirche, in deren offen stehender Eingangstür eine alte, weißhaarige Frau in einer altmodischen geblümten Kittelschürze gerade mit einem breiten Besen Blätter, Straßenstaub und kleine Steinchen zusammenkehrte, die der Wind und die Schuhe vieler Besucher regelmäßig zusammentrugen.
Im Norden des Marktes gab es einen Parkplatz und seit etwa fünf Jahren zusätzlich ein großes Parkhaus. Man hatte es so gebaut, dass man es hinter einigen weiteren alten Gebäuden nicht sehen konnte. Aus alter Gewohnheit stellte Holly sich auf die Zehenspitzen, um einen Blick darauf zu erhaschen, doch es gelang ihr nicht. Der Gemeinderat hatte verhindern wollen, dass durch das moderne Bauwerk der Charme der historischen Altstadt gestört wurde.
Sie erreichte den südlichen Rand des Marktes, auf dem sich der mittelalterliche Marktbrunnen mit übermannsgroßer Marienstatue und einem eisernen Gitter als Abdeckung befand. Die steinernen Bänke links und rechts des Brunnens waren unbesetzt, kein Wunder bei der Kälte, und nur wenige Schritte weiter stand ein mittelalterlicher Stock aus schwerem Eichenholz; eine Vorrichtung, in die betrügerische Kaufleute gesteckt werden konnten, um sie für ihr Tun zu bestrafen und sie dem Spott und der Häme ihrer Mitbürger auszusetzen. Wie schon so oft wollte Holly sich lieber nicht vorstellen, wie es sich anfühlte, mit Armen, Beinen und sogar dem Hals in dieses Schandwerkzeug eingeklemmt und womöglich nicht nur mit Worten geschmäht, sondern auch mit Abfällen und Unsäglichem aus den Rinnsteinen beworfen zu werden.
Ihr Blick streifte die alte Marktglocke auf der anderen Seite des Brunnens und die historisch korrekte Replik einer Marktwaage daneben.
Auf den ersten Blick hatte sich also auch hier nichts verändert. Erst bei genauerem Hinsehen entdeckte Holly ein neues Restaurant und zwei, drei neue Geschäfte, die im Dezember noch nicht da gewesen waren. Hier und da erstrahlte ein Haus in frischem Anstrich, die Bäckerei Schlich hatte größere Fenster einbauen lassen, von denen eines gekippt war, sodass betörende Düfte nach frischen Brötchen auf die Straße wehten. Die Tourist-Info hatte ein neues Leuchtschild erhalten, und die Fassade des Rathauses war von einem Baugerüst umgeben. Es war dreigeschossig und, wie auch die Kirche und einige weitere öffentliche Gebäude, aus Bruchstein gemauert und im neunzehnten Jahrhundert auf mittelalterlichen Fundamenten errichtet worden. Vor dem Gerüst stand ein Schild, auf dem offenbar nähere Informationen zur Renovierung bekannt gegeben wurden, doch eine Gruppe Touristen samt Fremdenführerin, die dem wechselhaften Wetter teilweise mit noch aufgespannten Regenschirmen trotzten, versperrten Holly größtenteils den Blick darauf.
Für einen Moment blieb Holly einfach mitten auf dem Marktplatz stehen und sah sich still um. Viel war im Augenblick auch hier nicht los. Nach Regen und Sonne war nun ein kalter Wind aufgekommen, der neue Wolken vor sich her und die meisten Menschen zuverlässig ins Innere der Gebäude trieb. Dennoch, oder vielleicht gerade, weil endlich einmal niemand sie erkannte und ansprach, stieg ein eigenartig heimeliges Gefühl in ihr auf.
Sie hatte Lissenborn vermisst. Wahrscheinlich konnte man es sogar Heimweh nennen. Sie lebte und arbeitete nun schon über zehn Jahre in Heidelberg, hatte dort auch durchaus die eine oder andere Freundschaft geschlossen, doch aus der Entfernung kam ihr alles so oberflächlich vor. Ihre Wurzeln waren ganz eindeutig hier, in dieser etwas mehr als siebentausend Seelen zählenden Gemeinde in der Vulkaneifel. Daran würde sich wohl niemals etwas ändern.
Morgensonnenglück
Petra Schier
HarperCollins, 367 Seiten
Erschienen am 27.01.2026
ISBN 978-3-36501-170-6
14,- € / eBook 9,99 €

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Petra Schier, Jahrgang 1978, lebt mit Mann und Hund in einer kleinen Gemeinde in der Eifel. Sie studierte Geschichte und Literatur und arbeitet seit 2003 als freie Autorin. Ihre historischen Romane erscheinen im Rowohlt Taschenbuch Verlag, ihre Weihnachtsromane bei Rütten & Loening sowie MIRA Taschenbuch.
Unter dem Pseudonym Mila Roth veröffentlicht die Autorin verlagsunabhängig verschiedene erfolgreiche Buchserien.
Petra Schier ist Mitglied in folgenden Autorenvereinigungen: DELIA, Syndikat, Autorenforum Montségur









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