Vor ein paar Tagen, als das Wetter noch ein bisschen besser war, ging ist über unser Grundstück und plötzlich stach mir ein Baum auf der anderen Seite des Zaunes ins Auge. Ein Baum inmitten von Bäumen, um genau zu sein. Scrollt nur ruhig gleich mal nach unten zum zweiten Montagsfoto für heute, und seht ihn euch selbst an.

Ja, genau, ich meine den kahlen Baum. Den toten Baum. Den, der wie ein Mahnmal zwischen dem satten Grün der übrigen Bäume und Büsche aufragt. Er war mir bis dahin ehrlich gesagt noch gar nicht aufgefallen. Ich hatte ihn seit dem frühen Frühjahr, als alles noch blattlos war, vollkommen übersehen.

Warum eigentlich? Wie kommt es, dass ich ihn nicht beachtet habe? Und warum stach er mir jetzt plötzlich ins Auge?

Dass er keinerlei Blattwerk trägt, lässt darauf schließen, dass er tot ist. Weshalb, das ist ihm, zumindest auf die Entfernung, nicht anzusehen.

Aber ist er wirklich tot? Ganz ehrlich, je länger ich ihn mir angesehen habe (und auch jetzt noch), desto lebendiger erscheint er mir. Vielleicht, weil er so auffällig aus dem Rest des Grüns hervorsticht. Vielleicht, weil er irgendwie kämpferisch wirkt. Vielleicht, weil er noch da ist, obwohl er doch eigentlich tot ist. Weil er im Tod mehr aussagt als im Leben.

Das brachte meine Gedanken dazu, weiterzuwandern. Wie oft bemerken wir etwas oder jemanden nicht, bis es, sie oder er nicht mehr da ist? Oder bis uns irgendetwas überhaupt erst darauf aufmerksam macht. Eine Geste, ein Wort, eine plötzliche, stolze, kämpferische Haltung.

Manche Menschen sind sogar erst nach ihrem Tod berühmt geworden, während sie zu Lebzeiten ein ganz unauffälliges Dasein geführt haben, vielleicht sogar verspottet und verlacht wurden. Oder einfach ignoriert.

Der Baum auf dem Foto ist tot.

Ist er das wirklich? Oder lebt er durch sein simples Dasein trotzdem irgendwie weiter?

Leben nicht Menschen, die von uns gegangen sind, auch weiter, solange wir an sie denken, sie auf Fotos, in Filmen usw. oder einfach in unserem Herzen vor uns sehen?

Der Baum ist tot und trotzdem seltsam lebendig. Sogar mehr noch vielleicht als zu seinen Lebzeiten. Denn jetzt fällt er auf, sticht hervor, zieht die Blicke auf sich.

Vielleicht sollten wir daran arbeiten, unsere Blicke nicht erst dann auf etwas oder jemanden zu richten, wenn es, er oder sie nicht mehr da ist, sondern schon vorher, wenn er/sie/es noch unter uns weilt, wenn auch vielleicht unscheinbar, schüchtern oder einfach so, wie alle anderen um uns herum.

Denn besonders war der Baum auch schon, bevor er sein Leben verlor. Man hat es nur vielleicht nicht so genau gesehen, weil er geschickt getarnt war. Normal. Unauffällig.

Mit diesen Gedanken wünsche ich euch eine schöne Woche!

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